2015/05/27

Das folgende Interview wurde am 27. Mai 2015 in der Tageszeitung „Zeri“ veröffentlicht.

Ich bin zuversichtlich und blicke optimistisch in die Zukunft.

Der bekannte internationale Geschäftsmann Lazim Destani, Ehrenvorsitzender der Albanischen Diaspora-Wirtschaftsvereinigung, im Gespräch über die hohe Bedeutung der Netzwerkbildung und ihre positiven Auswirkungen auf eine Vielzahl von Bereichen. Diese wohlorganisierte Vereinigung ist nach dem Win-Win-Prinzip strukturiert, sodass sowohl Unternehmen in der Diaspora als auch Firmen in der Region und den albanischsprachigen Gebieten von ihren Initiativen profitieren. Sie erwirtschaftet Gewinne und fördert den Wohlstand der albanischen Gemeinde in der Region und setzt sich vor allem für den Aufschwung in der kosovarischen Gesellschaft ein.

Zeri: Hat die albanische Diaspora konkrete Investitionsprojekte im Kosova im Blick?

Destani: Dies ist das zweite Treffen der Wirtschaftsvereinigung seit ihrer Gründung vor einem Jahr in Pristina. Sie erhält Unterstützung von den Institutionen der Republik Kosova, allen voran vom Diaspora-Ministerium, aber auch von der internationalen Gemeinschaft durch das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP), die Internationale Organisation für Migration (IOM) sowie von Ländern wie Norwegen und der Schweiz, die unsere Vereinigung in ihrer Gründungsphase unterstützt haben.

Heute haben wir 18 offizielle Dependancen in den führenden Industrieländern der Welt, in denen mehrere Tausend albanische Unternehmen aus diesen Ländern Mitglied sind.  Unserer Dependance in New York ist es beispielsweise gelungen, in einem Jahr mehr als 170 Unternehmen zu werben, und der deutsche Ableger zählt inzwischen über 200 Unternehmensmitglieder.

Auf unserem Jahrestreffen berichteten Teilnehmer über ihre Fortschritte in Hinblick auf ihre endgültige Zusammensetzung sowie über ihre bisherigen Initiativen, Kontakte und Erfolge. Auch wenn wir noch ganz am Anfang stehen, gibt es bereits jetzt viele konkrete Geschäftsbeziehungen zwischen Unternehmen in der Diaspora und lokalen Unternehmen, vor allem aus dem Kosova. Die Wirtschaft in den modernen Industrieländern basiert auf Netzwerkbildung. Wir müssen dieses Modell nur unternehmen und an die besonderen Bedingungen in den Balkanländern anpassen. Viele Unternehmen berichteten über Millionenumsätze, die sie im Handel mit kosovarischen Unternehmen und durch Projekte in der Anfangsphase konkreter Investitionen erzielen.

Zeri: Haben Sie im Kosova einen Sektor identifiziert, in den es sich zu investieren lohnt?

Destani: Wir haben die Ministerien für Industrie und Handel, Wirtschaftsentwicklung, Finanzen und Diaspora sowie die Kommunen gebeten, uns als interministerielle bzw. interinstitutionelle Expertengruppe anzuerkennen. Als solche werden wir die Potenziale und Projekte in den jeweiligen Sektoren analysieren und zusammenfassen, z. B. in der Landwirtschaft, Lebensmittelindustrie sowie im Dienstleistungs-, Energie- und Infrastruktursektor. Dies ist für uns der erste Schritt, um uns selbst und die Partner, mit denen wir zusammenarbeiten, zu identifizieren.

Gleichzeitig wird es eine Beschreibung des Wirtschaftsumfelds im Kosova geben. Darin werden die Wirtschaftspolitik sowie die Anreize, die in diesen Investitionen eingeschlossen sein können, skizziert.

Ein ähnliches Arrangement haben wir bei den Institutionen der Republik Albanien beantragt, und wir hoffen, ein solches Projekt auch in Mazedonien ins Leben rufen zu können. Die entsprechenden Materialien sollen auf der Website unseres Netzwerks verfügbar gemacht werden.

Im Anschluss daran haben Investoren die Möglichkeit, gemeinsam mit ihren Partnern die Sektoren auszuwählen, die am konkurrenzfähigsten sind (Primär- und Sekundärgeschäft). Diese Datenbank wird kontinuierlich auf Basis von Mitgliedervorschlägen aktualisiert.

Die interinstitutionelle Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen der Institutionen (sowohl zentral als auch lokal) ist sehr wichtig, denn ein Mangel an Koordination führt zu Hemmnissen und Verzögerungen in der Umsetzung von Investitionen. Wir bei Ecolog, aber sicher auch viele andere, stehen genau vor einer solchen Situation.

Zeri:  Ist Kosova für ausländische Investoren noch attraktiv?

Destani: Ja, selbstverständlich – trotz der vielen negativen Erfahrungen und Enttäuschungen, die es diesbezüglich gegeben hat. Im Kosova gibt es eine liberale Wirtschaftsgesetzgebung, und man ist sich dort bewusst, wir wichtig es ist, diese Gesetze auch umzusetzen und anzuwenden. Wenn vor dem Gesetz jeder gleich behandelt wird, wird jeder einzelne Staat, jede Gemeinde, jede Agentur, jedes Unternehmen, jede Person usw. darauf achten, sich angemessen zu verhalten. Das Problem ist: Wenn das nicht funktioniert, kommt es auf allen institutionellen Ebenen zu Verzögerungen. Wir freuen uns, dass wir Unterstützung von höchster Stelle genießen. Davon zeugt die Tatsache, dass der Ministerpräsident und fast die Hälfte des Kabinetts auf unserer Tagung hier in Pristina anwesend waren.

Zeri:  Ausländische Unternehmen investieren hauptsächlich in den Banken- und Immobiliensektor. Warum investieren sie nicht auch in den Fertigungssektor? Was ist Ihrer Ansicht nach hier das Problem?

Destani: Das ist eine sehr gute Frage. Wir als Wirtschaftsvereinigung haben noch keine entsprechende Analyse vorgenommen. Ich finde, unsere Experten sollten diese Situation gemeinsam mit den staatlichen Institutionen untersuchen.

Ein Beispiel für eine Investition unserer Unternehmensgruppe im Fertigungssektor ist unsere Investition in die Jeansfabrik Kosovatex in Pristina. Dieses Werk besteht seit fünf Jahren und beschäftigt über 300 Mitarbeiter. 95 Prozent der produzierten Ware wird nach Deutschland exportiert.

Es besteht auch Bedarf an anderen Exporten, doch die Fertigung ist ein schwieriger und komplizierter Sektor, in dem viele Voraussetzungen erfüllt sein müssen. In den ersten zwei bis drei Jahren hatten wir Schwierigkeiten, qualifizierte Arbeiter zu finden, und gleichzeitig gab es Probleme mit der Produktivität.

Es ist nicht einfach, die frühere Arbeitskultur und industrielle Tradition zurück in den Kosova zu bringen, der inzwischen seit 30 Jahren deindustrialisiert ist. Jeder dort möchte heutzutage studieren, und es gibt kaum noch junge Leute, die wissen, wie man arbeitet.

Ehrlich gesagt gibt es zwei Voraussetzungen: Man muss gerne arbeiten, und man muss wissen, wie man erfolgreich arbeitet. Es ist nicht ganz einfach, Menschen zu finden, die beide Eigenschaften in sich vereinen, vor allem heute, wo jedermann eine Bürotätigkeit ausüben möchte!

Ich glaube jedoch, dass sich diese Situation zwangsläufig ändern muss, und hier ist der Staat gefragt. Es ist bedauerlich, wenn unsere Geschäftsführer uns mitteilen, dass sie Schwierigkeiten haben, Arbeitskräfte zu finden, die arbeiten wollen und können.

Es gibt viele, die davon träumen, über Nacht reich zu werden. Doch jeder von uns in der Diaspora weiß, vor welchen Schwierigkeiten wir standen.

Zeri: Worin bestehen die institutionellen Hürden für ausländische Investoren?

Destani: Ich betone vor allem die Notwendigkeit von effizient funktionierenden staatlichen Institutionen. Bürokratische Hürden, die sich aus Konflikten und fehlender behördlicher Abstimmung ergeben, schrecken Investoren ab – auch wenn sich die Verantwortlichen vielleicht dessen nicht bewusst sind und dies auch bestimmt nicht beabsichtigen.

Ein weiterer häufig genannter Punkt ist die Korruption. Allerdings haben wir in den letzten zehn Jahren, in denen wir im Kosova tätig sind, noch keinen einzigen Fall von Korruption erlebt. Möglicherweise sind Verzögerungen in behördlichen Verfahren damit verbunden, aber wir wissen es nicht.

Es gibt Fälle, die seit Jahren im Labyrinth der Zuständigkeiten feststecken, auch in den Gerichten. Durch Steuersenkungen allein kann man keine Investoren anlocken, schon gar nicht, wenn sich die Steuerlandschaft ständig verändert. Besser ist es, etwas höhere Steuern zu haben und dafür eine effiziente und funktionierende Verwaltung mit schnellen Verfahren. Das zumindest sagen mir ausländische Investoren, mit denen wir in anderen Ländern zusammenarbeiten.

Zeri: In jüngster Zeit sind einige kosovarische Unternehmen nach Mazedonien abgezogen. Was ist aus Ihrer Sicht der Grund dafür?

Destani: Ich halte diese Fälle für Einzelfälle. Wenn es in Mazedonien irgendwelche Vorteile für Unternehmen geben sollte, dann sind es aus meiner Sicht allein die dortigen Sonderwirtschaftszonen. Der kosovarische Minister für Handel und Tourismus hat uns jedoch mitgeteilt, dass demnächst auch im Kosova ähnliche Zonen eingerichtet werden. Unsere Unternehmensgruppe hat Unternehmen in Mazedonien, und ich kann sagen, dass die Situation dort wenn überhaupt nur geringfügig besser ist.

Zeri: Ebenfalls diskutiert wird, ausländische Produkte durch einheimische Produkte zu ersetzen. Wie könnte das umgesetzt werden?

Destani: Der Kosova importiert alles von überall her. Auf unserer Tagung haben wir darüber gesprochen. Einer der Experten schlug vor, dass wir uns die Handelsbilanz und Zollberichte aus dem Kosova ansehen, um zu ermitteln, welche Produkte aus dem Ausland benötigt werden.

Der Preis ist ein entscheidendes Kriterium, aber wir sollten auch den Qualitätsfaktor nicht außen vor lassen. Was an den Zollstellen fehlt, sind Qualitätskontrollen, die den kosovarischen Markt und seine Produkte schützen.

Meiner Meinung nach sollte man mit der Landwirtschaft, der Lebensmittel- und Konsumgüterindustrie (Bekleidung, Güter des alltäglichen Bedarfs) beginnen. In diesen Sektoren gibt es sehr viel Exportpotenzial. Wir haben so viele Menschen und Arbeitskräfte exportiert, um ausreichend Geld für den Import von Produkten zu verdienen (selbst aus einige Nachbarstaaten mit weniger hochwertigen Gütern).

Zeri: Als Unternehmer sind sie auch in anderen Ländern außerhalb des Kosovas tätig. Wie schneiden diese im Vergleich ab?

Destani: Es gibt viele Länder, in denen der Handel besser funktioniert als im Kosova, vor allem Europa und Amerika, doch in jüngster Zeit auch Asien. Deutschland hat selbstverständlich ein ausgezeichnetes Wirtschaftsumfeld, aber auch hohe Steuern. Trotzdem lohnt es sich, dort geschäftlich tätig zu sein, denn die Rechtssicherheit, Effizienz und Präzision der staatlichen Institutionen und Gerichte ist mehr wert als jedes Geld. Das ist es, wonach Investoren überall suchen, selbst hier im Kosova.

Zeri: Wie werden sie von den kosovarischen Institutionen behandelt?

Destani: Als Unternehmer genieße ich wie gesagt auf sämtlichen Ebenen eine ausgezeichnete Behandlung. Ich muss jedoch auch sagen, dass die Zusagen und Versprechen, die wir von höchster institutioneller Ebene bekommen, häufig erst in letzter Minute und nicht immer ohne Mühen eingehalten werden, was unbegründete Hürden und Verzögerungen nach sich zieht.  Für dieses Jahr bin ich jedoch zuversichtlich, denn im Weltbankbericht zur Handelserleichterung lag der Kosova sechs Ränge höher als im vorigen Bericht.

Zeri: Haben Sie Pläne für die Geschäftsfeldentwicklung im Kosova? Und falls ja, in welchen Bereichen sehen Sie das meiste Potenzial?

Destani:  Obwohl die Unternehmensgruppe meiner Familie hauptsächlich auf internationalen Märkten tätig ist, behalten ich und meine Mitarbeiter die Investitionsmöglichkeiten in Albanien und den Balkanstaaten genau im Blick. Selbstverständlich haben wir viele Investitionspläne, angefangen von der Kleiderproduktion bis hin zu Biolebensmitteln. Dasselbe erwägen wir auf unseren Märkten in Nahost und Afrika, wo wir für den privaten und öffentlichen Sektor Lebensmittel liefern und Dienstleistungen erbringen.

In Pristina befinden wir uns derzeit in der Wartephase für die Entwicklung des Projekts „Green City“ auf einem elf Hektar großen Gelände von Kosovatex. Dieses Projekt kostet mehrere Millionen Euro und umfasst Schulen, ein Einkaufszentrum, ein Hotel und Wohnungen.

Zeri: Wie bewerten Sie die politische Lage in Mazedonien?

Destani: Ich bin von Natur aus optimistisch. Doch leider verschlechtert sich derzeit die Lage in Mazedonien, und das zu einer Zeit, wo der Fokus vermehrt darauf gelegt werden sollte, die Bedingungen und Standards für eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union und der Nato zu erfüllen.

Die jüngsten Entwicklungen und die unklare Reaktion seitens der Regierung haben das Potenzial, das Land zu destabilisieren. Ich möchte nicht behaupten, dass im Balkan zunächst alles schiefgehen muss, damit ein Neubeginn möglich ist. Doch wenn sich die jetzige Regierung nicht an die Vorgaben der internationalen Gemeinschaft hält, könnte es in Mazedonien genau so kommen. Ich hoffe sehr, dass am Ende die Vernunft siegen wird, denn das ist auch das, was sich die Menschen dort wünschen.

Aus wirtschaftlicher Perspektive sind Frieden sowie politische und wirtschaftliche Stabilität unabdingbar, um den Weg für Investitionen und Handel zu ebnen. Konflikte und Unsicherheit schrecken Investoren verständlicherweise ab und stellen Handelshindernisse dar. Ich wünsche, dass in Mazedonien schnellstmöglich wieder Ordnung und Frieden herrscht und das Land zur Normalität zurückkehrt.

Zeri: Was sollten Albanien und der Kosova in dieser Situation tun?

Destani: Ich bin kein Experte, um den beiden Ländern außenpolitische Empfehlungen aussprechen zu können, aber es ist mehr als eindeutig, dass sich Mazedonien in einer tiefen politischen und wirtschaftlichen Krise befindet. Albanien und der Kosova unterstützen das Land natürlich, ebenso wie die internationale Gemeinschaft, allen voran die EU und die Vereinigten Staaten. Ich würde die Beilegung der Krise und die Wiederherstellung von Frieden und Stabilität in der Region sehr begrüßen.